Rechtliche und politische Landschaft: Was mittelständische Unternehmen wissen sollten

H2Raum sprach mit Dr. Thomas Kattenstein über die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für die anstehende Transformation des Mittelstands in eine Wasserstoffwirtschaft. Dr. Thomas Kattenstein ist Leiter des Competence Centers Hydrogen bei der EE Energy Engineers GmbH der TÜV Nord Group und Vorsitzender des Vorstands vom h2-netzwerk-ruhr e. V. 

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H2Raum: Herr Dr. Thomas Kattenstein, mit der EE Energy Engineers GmbH unterstützen Sie seit mehr als 20 Jahren Unternehmen dabei, den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft zu finden. Wie haben sich in dieser Zeit Ihre Aufgaben und auch die Bedarfe der Unternehmen verändert? Dr. Kattenstein: Das Thema hat in den letzten Jahren deutlich an klimapolitischer Dringlichkeit gewonnen. Gleichzeitig hat sich der Fokus verschoben: Zunächst ging es sehr stark um die Forschung & Entwicklung vor allem im Bereich Brennstoffzellen und Mobilität. Inzwischen liegt der Fokus auf Skalierungs- und Anwendungsprojekten sowohl in Großindustrie und in KMUs. Damit einhergehend ist das Anwendungsspektrum breiter geworden, z. B. Prozesswärme, Aufbau von Elektrolysekapazität in Deutschland, grüner Ammoniak. Gleichzeitig ist das Thema der Wasserstoffwirtschaft zu einer energiepolitischen und -wirtschaftlichen Kernfragen der industriellen Transformation geworden: hier etwa die Stichworte Versorgungssicherheit, grüne Gase, saisonale Energiespeicherung, etc.

H2Raum: Auch mittelständische Unternehmen müssen und wollen sich am Umbau der Wirtschaft zu einer Wasserstoffwirtschaft hin, beteiligen. Anders als große Industrieunternehmen fehlt ihnen aber oft die internen Ressourcen für diese Aufgabe. An wen können sich diese Unternehmen zunächst wenden? Dr. Kattenstein: An uns! Für KMUs ist oft zunächst wichtig zu evaluieren, in welcher Umsetzungsphase sie sich befinden, die benötigte Unterstützung ist dann zielgerichtet auszuwählen: Für Erstinformationen und Vernetzung sind oft in Kommunen, Wirtschaftsförderungen oder Vereinen – wie dem h2-netzwerk-ruhr – Ansprechpartner verfügbar. Diese können in ersten Entwicklungsschritten mit Erfahrungswerten weiterhelfen. Gleichzeitig werden auf Austauschveranstaltungen, Kongressen oder Workshops auch oft Best-Practice-Beispiele vorgestellt, aus denen mittelständische Unternehmen lernen können. Und letztendlich sind spezialisierte Beratungsunternehmen – wie die Energy Engineers – auch ein Anlaufpunkt um in allen Projektphasen (Ideation, Machbarkeit, Konzeption bis hin zur Inbetriebnahme) zu unterstützen.

H2Raum: Aus welchen Branchen kommen diese Unternehmen? Dr. Kattenstein: Wasserstoff und sein Einsatz ist ein zentrales energiepolitisches Instrument für die Industrietransformation. Daher ist H2 auch in vielen verschiedenen Branchen zu finden. Als Energieträger kann H2 in energieintensiven Betrieben mit hohem Erdgasverbrauch eingesetzt werden, z. B. zur Erzeugung von Prozesswärme (Glas, Metall, Papier). In diesem Branchen finden sich viele mittelständische Unternehmen. Eine Vorreiterbranche für den H2-Einsatz ist auch der Mobilitätssektor. In vielen Anwendungen, in denen hohe Leistungen oder weite Strecken erforderlich sind, kann H2 effizienter Energieträger sein, etwa im ÖPNV oder Schwerlastverkehr. Als weitere Hauptverbraucher sollen hier auch Stahl- und Chemieindustrie genannt werden, die größtenteils ihre Anlagen und Transformationsprozesse in Eigenentwicklung begleiten. In der Produktion von Wasserstoff können viele unterschiedliche Branchen aktiv sein, hier sollen insbesondere Produzenten von erneuerbaren Energien, Stadtwerke, Klärwerke oder Abfallverbrennung als typische Anwender genannt werden. Aber auch Unternehmen mit begrenztem Wasserstoffbedarf für den prozesstechnischen Einsatz, wie z. B. Härtereien, können eine Wasserstoffeigenproduktion wirtschaftlich umsetzen.

H2Raum: Wie bewerten Sie den regulatorischen Rahmen für mittelständische Unternehmen bezüglich grünen Wasserstoffs? Dr. Kattenstein: Der Wasserstoffeinsatz ist zwar in vielen Bereichen bereits seit langem erprobt und technisch versiert, jedoch sind dies meist hochregulierte Bereiche wie z. B. die Chemieindustrie. Wird jetzt ein breiter Einsatz von Wasserstoff als Energieträger propagiert, muss auch die Regulierung vereinfacht werden. Aktuell werden oft auch für kleine Anlagen aufwändige Verfahren mit Konzentrationswirkung benötigt. Durch Standardisierung und Vereinfachung des regulatorischen Rahmens könnten H2-Technologien bei KMUs deutlich schneller implementiert werden. Daran arbeitet aktuell eine Bundesratsinitiative. Sie will dafür sorgen, dass z. B. bei Elekrolyseure, deren Leistung kleiner 5 MW ist, die Genehmigung durch das  Bundesimmissionsschutzgesetz , während es bei Elektrolyseure mit einer Leistung zwischen 5 und 130 MW vereinfacht werden soll. Ein Beispiel dafür sind die geringen zulässigen Lagermengen, die im Rahmen der  Betriebssicherheitsverordnung  bei 3 Tonnen H2 und laut  Störfallverordnung  bei 5 Tonnen H2 liegen.

H2Raum: Inwieweit hat die nationale und europäische Wasserstoffstrategie Verlässlichkeit für mittelständische Unternehmen geschaffen? Und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf? Dr. Kattenstein: Beide Strategien zeigen, wie die Wasserstoffwirtschaft in Deutschland und Europa vorangebracht werden soll und geben so Rahmenbedingungen vor. Sie unterstützen den Aufbau einer sicheren und nachhaltigen Wasserstoffversorgung, die für die Dekarbonisierung der verschiedenen Sektoren wichtig ist. Die Ausgestaltung der konkreten rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen ist angesiedelt bei Bund, Ländern oder Kommunen und noch nicht ausreichend geklärt. Dies führt aktuell noch zu Unsicherheiten für die mittelständischen Unternehmen. Gerade der zeitliche Planungshorizont und wirtschaftliche regulatorische Stellschrauben sind hier hervorzuheben. Mittelständische Unternehmen wissen heute oft nicht, wann Sie mit der Verfügbarkeit von Wasserstoff rechnen können und was Sie am Ende dafür zahlen müssen. Aber abwarten ist keine Option: Wir erwarten, dass sich die regulatorischen und wirtschaftlichen Randbedingungen schnell verbessern, so dass Unternehmen sich schon heute mit dem Wasserstoffeinsatz (und/oder Erzeugung) beschäftigen sollten, um dann zeitgerecht entsprechende Anlagen in Betrieb nehmen zu können.

H2Raum: Gibt es dabei große Unterschiede bezüglich Erzeugung, Transport und den Einsatz von Wasserstoff? Dr. Kattenstein: Eine solide Infrastruktur muss die Versorgung gewährleisten und an nationalen und europäischen Rahmen angepasst werden, dies wird durch die großen Strategien auf nationaler (Stichwort Kernnetz mit rund 10.000 km Länge in Deutschland) und internationaler Ebene skizziert. Erzeugung ist auf nationaler Ebene geregelt und wird aktuell bereits von Unternehmen realisiert. Aktuell laufende Projekte zeigen die Umsetzungsfähigkeit des Mittelstands. Transport und Import ermöglichen die Versorgung durch internationale Märkte. Dafür sind sowohl Herkunftsnachweise, Zertifizierungen, eine Importinfrastruktur (z. B. Ammoniak-Terminals) und eine europäische Vernetzung erforderlich. Auch hier gestalten die großen Strategien den Rahmen. Für den Einsatz von Wasserstoff kann zwischen Großindustrie und KMUs unterschieden werden. Die Großprojekte z. B. der Stahlindustrie werden etwa als IPCEI-Vorhaben (Important Project of Common European Interest) gefördert und haben so hohe Umsetzungschancen. KMUs hingegen haben kleinere CO2-Einsparungsziele und werden kleinteiliger realisiert. Hier ist das technische Wissen – aber z. T. nicht die spezifische Wasserstoffexpertise – vorhanden, es fehlt teilweise noch an Skalierungs- und Umsetzungserfahrung sowie an den oben genannten Anpassungen in den Regulatorien.

H2Raum:Auch die politischen Rahmenbedingungen sind in Deutschland alles andere als vorhersehbar: Erst Anfang 2024 hat die FDP-Basis über einen Verbleib in der Ampel entschieden, die ehemalige Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat mit der BSW eine neue Partei gegründet, ebenso wie Hans-Georg Maaßen die Werteunion. In diesem Jahr stehen zunächst diverse Kommunalwahlen an, dann im Juni die Europawahl und im September auch die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Wie beeinflusst die politische Lage die Innovationsbereitschaft mittelständischer Unternehmen bzgl. eines Umbaus in Richtung Wasserstoff? Dr. Kattenstein: Die politische Lage hat einen hohen Einfluss auf die Bereitschaft sich mit innovativen Technologien im H2-Bereich auseinanderzusetzen. Neu eingesetzte Technologien in der ersten Marktphase sind i. d. R. auf sinnvolle Fördermechanismen und eine verlässliche Regulatorik angewiesen, die von der Politik bestimmt werden. Nur eine konsequente, langfristig denkende Politik kann einen wertvollen Beitrag zum Abbau von Planungsunsicherheiten und zum Aufbau einer funktionierenden Regulatorik leisten. Wir sehen, dass alle Parteien aus dem gemäßigten demokratischen Spektrum generell die Bedeutung des Themas Wasserstoff erkannt haben und die Markteinführung des Wasserstoffs voll unterstützen. Glücklicherweise gibt es trotz der unklaren politischen Situation auch eine Menge an Vorreitern in der Branche, die die langfristigen Vorteile einer frühen Umstellung auf neue Technologien sehen und nicht von ihren Plänen abweichen.

H2Raum: Sehen Sie besondere Vor- oder Nachteile für mittelständische Unternehmen im Ruhrgebiet bzgl. des Aufbaus einer Wasserstoffwirtschaft? Dr. Kattenstein: Ich sehe einige Vorteile für den Mittelstand im Ruhrgebiet. So werden mittelständische Unternehmen aufgrund der vorhandenen Großindustrie im Ruhrgebiet frühzeitig über das Wasserstoff-Kernnetz versorgt werden können. Der Aufbau von Zuliefererindustrie läuft zügig und verschiedene Industrien sind eng vernetzt. Das Ruhrgebiet hat sich zudem schon früher als Innovationsstandort mit ausreichend Transformationsbereitschaft bewiesen. So gibt es schon jetzt so genannte Early Mover, wie die Wasserstoffstädte Herten Duisburg, viele Forschungsstandorte als zusätzliche Unterstützung (z. B. das Zentrum für Brennstoffzellentechnik (ZBT), Universitäten und Fraunhofer Institute) und Netzwerke, wie z. B. das h2-netzwerk-ruhr oder Initiativen wie H2Raum. Auf der anderen Seite hat das Ruhrgebiet aber auch mit Nachteilen zu kämpfen, die den Aufbau einer mittelständischen Wasserstoffwirtschaft im Ruhrgebiet bremsen können. So ist die Region schon jetzt ein energieintensiver Standort, was Importe (etwa Strom und Gas, künftig wohl auch Wasserstoff) notwendig macht und damit die Gefahr von Energieabhängigkeit mit sich bringt. Durch die enge Bebauung im Ruhrgebiet gibt es wenig verfügbare Flächen etwa für erneuerbare Energien als auch für Elektrolyseure. Und für ganz Deutschland gilt: Wasserstoff ist derzeit am Markt noch sehr teuer, die Wirtschaftlichkeit der Anlagen damit unsicher.

H2Raum: Vielen Dank für das Gespräch!