
Stadt Castrop-Rauxel/Ludger Staudinger
H2Reallabor Castrop-Rauxel: Austausch fördert Akzeptanz
Wir haben uns mit Philipp Schroer, Projektleiter von Seiten des Fraunhofer IEG für das H2Reallabor Castrop-Rauxel, über den aktuellen Stand seiner Arbeit unterhalten. Dabei haben wir mehr über seinen – zumindest im Bereich der Energie- und Verfahrenstechnik – ungewöhnlichen Forschungsansatz erfahren.
Inhaltsblöcke
Hallo Philipp, wie ist der aktuelle Stand deiner Arbeit im Projekt H2Reallabor Castrop-Rauxel?
Aktuell sind wir noch in der Bestandsaufnahme. Dazu gehört etwa die Datenbeschaffung aus verschiedenen Quellen, z. B. von Energieversorgern oder aus dem Markstammdatenregister. Das ist aufwändig, weil es vor Ort sehr viele unterschiedliche Akteure gibt und sich die Beschaffung der Daten für die verschiedenen Versorgungsnetze als sehr zeitintensiv herausgestellt hat. Es handelt sich dabei z. B. um Daten zu den Wärme- und Strom-Verbräuchen inkl. Lastspitzen, Daten zu erneuerbaren Erzeugungskapazitäten, aber auch zu genauen Leitungsverläufen, Querschnitten, Volumenströmen, sowie die voraussichtlichen Anschlusspunkte an die geplante Wasserstoff-Kernnetzleitung in Castrop-Rauxel. Diesbezüglich gehen wir von dem für 2032 geplanten Stand aus.


Und sonst?
Für die Bedarfsanalyse und Prognose erfassen wir mit standardisierten Fragebögen die Infrastruktur und Verbräuche einiger repräsentativer Unternehmen vor Ort, die durch Interviews mit den entsprechenden Unternehmensvertreterinnen und -vertretern ergänzt werden. Dort geht es mehr in die Tiefe: Wir sprechen hier etwa darüber, welche Hürden Unternehmen bei der Umstellung auf Wasserstoff sehen und welche Vorteile sie sich davon versprechen. Dabei geht es vor allem immer auch um die Akzeptanz für Wasserstoff als neuen Energieträger.
Mit einer Nutzwertanalyse haben wir parallel potenzielle Wasserstoff-Projekte hinsichtlich des technischen Reifegrades, des Einflusses auf Treibhausgas-Emissionen, der Akzeptanz, etc. bewertet und diese mit der Meinung von Experten und Expertinnen abgeglichen. Daraus ergaben sich potenziell umsetzbare Projekte und deren Priorisierung für Castrop-Rauxel.
Du benutzt für deine Bedarfsanalyse bei den lokalen Unternehmen einen ungewöhnlichen Ansatz in der Energie- und Verfahrenstechnik, nämlich die Befragung über Interviews. Wieso hast du dich dafür entschieden?
Wir sind mit dem H2Reallabor Castrop-Rauxel Teil des H2Raums. Dort sollen bewusst auch neue und experimentelle Wege im Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft eingeschlagen werden. Dazu gehört meiner Meinung nach auch die Übertragung von Methoden aus anderen Fachgebieten, wie hier der qualitativen Sozialforschung. Besonders in der Entwicklung neuer Technologien sind die Vorbehalte und Unsicherheiten der späteren Nutzer und Nutzerinnen groß. Die Interviews ermöglichen einen Tiefenblick in die Bedarfe und Bedingungen die Unternehmen an deren Einsatz stellen.
Und wie wäre das übliche Vorgehen? Welche Vor- und Nachteile siehst du bei den beiden Methoden?
Üblicherweise werden Projekte deutlich kleinskaliger durch ein oder manchmal auch mehrere vor Ort agierende Unternehmen durchgeführt. Diese breite Befragung unabhängiger Branchen, die ich in Castrop-Rauxel mache, ermöglicht auch die Berücksichtigung kleinerer Akteure. Diese können nämlich in Summe einen großen Einfluss auf die Entwicklung haben.
Wenn man unterstützend Stimmungsbilder aus der Region erhebt, generiert man die normalerweise über Umfragen. Da hat man durch die deutlich größere Stichprobe weniger statistische Unsicherheiten und die Auswertung kann automatisiert erfolgen. Mit den qualitativen Interviews kann ich aber mehr ins Detail gehen und spezifischer werden. Zum Beispiel kann ich bei interessanten Aussagen Nachfragen stellen. Diese sind meist deutlich aussagekräftiger als eine quantitative Einschätzung von 1 bis 10. Ich kann meine Fragen auch auf das jeweilige Unternehmen zuschneiden, etwa was Größe und Branche betrifft. Dieser Ansatz ist natürlich deutlich aufwändiger.
Wieviel Interviews hast du jetzt schon geführt? Worauf achtest du dabei methodisch?
Bis jetzt sind es fünf Interviews gewesen. Ich möchte aber – auch mit der Hilfe von Masterstudierenden – noch weitere Interviews führen. Ich achte darauf, verschiedene Branchen abzudecken, um ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten. Ich möchte sowohl mit Unternehmen sprechen, die an Wasserstoff interessiert sind, aber besonders auch mit denen, die nicht interessiert oder skeptisch sind. Diese Ergebnisse sollen am Ende auf ganz Castrop-Rauxel hoch skalieren und damit das Entscheidungsverhalten der Industrie und der KMU prognostizieren.
Und was waren deine Key-Learnings?
Für mich als Ingenieur war es sehr interessant zu sehen, wie der Austausch mit den Unternehmen bei den handelnden Personen gleichzeitig auch die Akzeptanz für Wasserstoff gesteigert hat. Im Planungsprozess mitgenommen zu werden, ist dafür ein großer Hebel!
Bei den Unternehmen habe ich gemerkt, dass sie sich der Notwendigkeit der Transformationen weitestgehend bewusst sind. Viele planen auch schon mit und investieren in erneuerbare Energien. Technisch ist das unproblematisch, das Know-how ist vorhanden oder zumindest sind die Wege klar, wie die Unternehmen es erlangen können. Gerade energieintensive Unternehmen mit hochspezialisierten Prozessen haben eine sehr differenzierte Einschätzung zum
Thema Wasserstoff. Die größten Probleme der Firmen sind die überbordende Bürokratie und die Unklarheit, wie es mit Wasserstoff und Klimaschutz politisch weitergeht.
Hinsichtlich der Bürokratie beklagen meine Ansprechpersonen, dass sich z. B. Anträge, Gesetze und der Zugang zu Fördermitteln zu oft ändern. Kleine Unternehmen müssen das noch nebenher erledigen. Bei größeren Unternehmen gibt es zwar eigene Ressourcen, aber der Aufwand ist trotzdem groß. Von Ämtern wünschen sich die Unternehmen mehr Flexibilität und lösungsorientierte Zusammenarbeit. Sorgen gibt es auch hinsichtlich der Zugänglichkeit zu Wasserstoff – also häufig die Frage: Wie nah am geplanten Wasserstoffkernnetz liegen wir? (Lesen Sie dazu auch unseren Blogbeitrag „ Zugang zu Wasserstoff für kleine und mittelständische Unternehmen “.)
Wann liegen die Ergebnisse vor? Und wie fließen sie in die weitere Projektarbeit ein?
Die ersten fünf Interviews habe ich jetzt geführt. Diese werte ich nun nach den gängigen Methoden der Sozialforschung aus. Ich möchte aber weitere Interviews mit anderen Branchen, etwa mit Unternehmen aus der Logistik und weiteren kleinen lokalen Produzenten, führen. Aus den Interviews können wir ein besseres Bild der Einflussfaktoren auf Akteure, allein und im Zusammenspiel mit Anderen, ableiten.
Unser Ziel in dem Projekt ist es, bis zu drei Beispielmaßnahmen in Castrop-Rauxel auszuarbeiten, die auf unterschiedlichen Ebenen die Nutzung von Wasserstoff in der Kommune fördern sollen. Diese Maßnahmen planen wir mit den Stadtwerken und den ansässigen Versorgungsunternehmen. Dabei ist die oberste Maxime die mittelfristige Reduktion der kommunalen Emissionen. Dazu entwickeln wir verschiedene Optimierungsmodelle für die Projektideen. Um diese Modelle realistischer zu machen, müssen wir die wesentlichen Einflussfaktoren der kommunalen Akteure berücksichtigen. Und genau an diesem Punkt fließen u. a. die Ergebnisse der Interviews ein.
Vielen Dank für das Gespräch!!!
Bildnachweis Portrait: Fraunhofer IEG/Sascha Kreklau
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