
H2Raum-Interviewreihe: Wasserstoff im Gespräch mit Timothy Johnstone
Im Werkstattbereich vom H2Raum bringt Sozialwissenschaftler Timothy Johnstone seine Expertise in das Projekt H2!Academy ein, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „T!Raum – TransferRäume für die Zukunft von Regionen“, gefördert wird.
Hier entwickelt er passgenaue Weiterbildungsangebote für kleine und mittlere Unternehmen. Als kompetente Anlaufstelle begleitet er Unternehmen dabei, ihre Mitarbeitenden für den sicheren Umgang mit Wasserstofftechnologien zu qualifizieren und H2-Systeme sinnvoll in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren.
Abseits der beruflichen Themen engagiert sich Timothy Johnstone mit viel Herzblut für den interkulturellen und interreligiösen Dialog im Ruhrgebiet.
Inhaltsblöcke
Ein inspirierendes Programm – und ein starkes Netzwerk
Auf der von Katja Leistenschneider moderierten convention wurde deutlich, wie H2Raum und ruhrvalley sich ergänzen. Die convention brachte Akteur:innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Die Vorträge und Diskussionen machten klar, wie viel die Region durch kooperative Projekte bereits erreicht hat. Hierbei bot Prof. Ute Ritzerfeld-Zell (Hochschule Bochum) zunächst einen spannenden Rückblick auf die vergangenen 8 Jahre, während die Talkrunde mit Prof. Andreas Wytzisk-Arens (Hochschule Bochum), Sascha Sandvoss (Stadtwerke Bochum), Garrelt Duin (Regionalverband Ruhr) und Sven Frohwein (IHK Mittleres Ruhrgebiet) die Zukunftsperspektiven des ruhrvalley aufzeigten. Die weiteren Vorträgen aus Einzelprojekten sowie die Vielzahl an Projektständen zeigten: Das Ruhrgebiet verfügt heute über ein Transferökosystem mit bundesweiter Strahlkraft. Der H2Raum-Stand war dabei ein echter Anziehungspunkt. Zahlreiche Gäste nutzten die Gelegenheit, um mehr über unsere Arbeit zu erfahren, sich zu vernetzen und gemeinsam über Herausforderungen und Lösungen in der Wasserstoffwirtschaft zu diskutieren. Besonders positiv wurde hervorgehoben, dass wir Forschung nicht nur theoretisch vorstellen, sondern konkret in den mittelständischen Unternehmensalltag übertragen.
H2Raum knüpft an ruhrvalley an
Die ruhrvalley convention 2025 hat gezeigt, welche Strahlkraft ein starkes Netzwerk entwickeln kann, wenn es gelingt, Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen langfristig miteinander zu verbinden. Acht Jahre ruhrvalley stehen für erfolgreiche Pilotprojekte (bspw. zur smarten City von morgen – präsentiert von Philip Wizenty (FH Dortmund) und Martin Neuwirth (Hochschule Bochum)), funktionierende Transferformate und eine Kultur der Zusammenarbeit, die über Institutionen hinweg trägt. Der H2Raum kann von dieser Erfahrung unmittelbar profitieren: Strukturen, die im ruhrvalley aufgebaut wurden – etwa offene Austauschplattformen, interdisziplinäre Projektteams oder die enge Einbindung regionaler Unternehmen – sind für uns eine wertvolle Orientierung. Gleichzeitig knüpft der H2Raum gezielt an die Themen und Arbeitsweisen von ruhrvalley an, bringt aber mit Wasserstoff die Fokussierung auf eine der Schlüsseltechnologien der Energiewende mit. So ergänzen sich beide Initiativen: Das ruhrvalley-Netzwerk bringt die Breite und die Verankerung in der Region mit, der H2Raum ergänzt fachliche Tiefe und Praxisnähe im Wasserstoffsektor. Besonders wertvoll ist die gemeinsame Lernerfahrung: Der H2Raum kann erfolgreiche Transfermethoden aus dem ruhrvalley direkt adaptieren und weiterentwickeln. Umgekehrt fließen Erfahrungen aus dem H2Raum zurück ins größere Netzwerk. So entsteht eine Wechselwirkung, die allen Beteiligten nützt – und die zeigt, wie eng regionale Netzwerke zusammenwirken können, wenn es darum geht, Wissen in konkrete Lösungen für die Zukunft zu übersetzen.
Transfer kein Selbstläufer
So erfolgreich die bisherigen Erfahrungen auch sind – der Transfer zwischen Forschung und Praxis ist kein Selbstläufer. Nach wie vor gibt es einige Barrieren, die den Weg von der Idee bis zur Anwendung bremsen. Gerade mittelständische Unternehmen verfügen häufig nicht über die finanziellen oder personellen Kapazitäten, um direkt in Forschungsergebnisse investieren zu können. Hinzu kommt, dass Forschung oftmals in langen Planungszyklen denkt, während Unternehmen schnelle und praxisrelevante Lösungen benötigen – eine Diskrepanz, die Abstimmungen verzögern kann. Gleichzeitig bremsen regulatorische Unsicherheiten, etwa durch komplexe Genehmigungsverfahren oder wechselnde Förderprogramme, viele Vorhaben aus. Schließlich erschweren Kommunikationsunterschiede zwischen der Sprache der Forschung und den Anforderungen der Unternehmenspraxis manchmal das gegenseitige Verständnis.
Der H2Raum als Motor des Transfers für die Region
Der H2Raum hat eine starke Entwicklung durchlaufen. Was als Plattform für Austausch und Vernetzung begann, ist heute zu einem aktiven Innovationsmotor geworden. Während ruhrvalley eine breite Basis für smarte Stadtentwicklung, Mobilität, Energie und Klimaresilienz schafft, fokussiert sich der H2Raum auf Wasserstoff – eines der Schlüsselthemen für die Energiewende. Gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können vom Engagement im H2Raum enorm profitieren. Sie erhalten frühen Zugang zu neuesten Erkenntnissen zur Wasserstoffproduktion, -speicherung und -nutzung, noch bevor diese breit angewendet werden. Darüber hinaus ermöglicht ihnen der H2Raum den Eintritt in ein starkes Netzwerk, das sie mit Forschungseinrichtungen, Start-ups, Kommunen und politischen Entscheidungsträger:innen zusammenbringt. Dieser Zugang zu Kooperationspartnern steigert nicht nur die Innovationskraft, sondern auch die Sichtbarkeit der Unternehmen. Hinzu kommt die Möglichkeit, eigene Ideen in Pilotprojekten und Demonstratoren zu testen – so lassen sich Risiken minimieren, bevor größere Investitionen fließen. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Chance, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen: Studierende und Absolvent:innen bringen frisches Wissen direkt in die Betriebe.
Die Stärke des Ruhrgebiets liegt im Miteinander
Was wir als H2Raum konkret umsetzen:
Viele Besucher:innen äußerten, dass der H2Raum genau die Lücke zwischen guten Ideen und ihrer Umsetzung schließt, die in der Praxis oft besteht. Die ruhrvalley convention 2025 war für uns ein voller Erfolg. Wir haben neue Kontakte geknüpft und konnten zeigen, dass der H2Raum mehr ist als ein Projekt: Er ist eine treibende Kraft für erfolgreichen Wissenstransfer im Bereich Wasserstoff. Ob in Fachgesprächen mit Unternehmensvertreter:innen, Diskussionen mit Wissenschaft und Politik oder beim Networking mit Nachwuchstalenten: Überall wurde deutlich, dass die Zukunft nur gemeinsam gestaltet werden kann – und dass der H2Raum ein Motor dafür ist.
Fazit: Die Stärke des Ruhrgebiets liegt im Miteinander. Und mittendrin – der H2Raum.
Autoren: Gesine Hahn und Tim Peil
H2Raum: Welche Herausforderungen entstehen aktuell für den Netzbetreiber beim Aufbau eines H2-Netzes?
Marcel Fiebrandt: Da sich kein Industrieunternehmen auf die Abnahme von Wasserstoff festlegt, sind wir auch nicht in der Lage ein sinnvolles H2-Startnetz für Bochum zu entwickeln. Dies müssen wir an den tatsächlichen Bedarfen und Standorte der Kund:innen ausrichten. Natürlich haben wir theoretische Planungen aufgrund der aktuellen Technologien und Verbräuche durchgeführt, aber die sind keine Basis für eine Umsetzungsentscheidung, wenn wir nicht wissen, ob Kund:innen überhaupt Wasserstoff nutzen werden. Dies ist für uns die größte Hürde, die wir allein aber nicht werden lösen können. Nur die Unternehmen selbst sind in der Lage zu beurteilen, welche Dekarbonisierungsoptionen für sie am sinnvollsten sind, was ihr Zielmarkt bereit ist für grüne Produkte zu bezahlen und ob hieraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht. Da dies aktuell von den Unternehmen nicht einschätzbar zu sein scheint, stellen diese natürlich auch keine Anschlussanfragen an ein Wasserstoffnetz, die für uns die belastbare Planungsgrundlage bilden könnten.
H2Raum: Welche Chancen sehen die SW Bochum Netz im Wasserstoffhochlauf, auch wenn potenzielle Abnehmer aktuell zögerlich sind?
Marcel Fiebrandt: Für uns als Netzbetreiber besteht die Option, einen gewissen Anteil des Gasnetzes ggf. auf Wasserstoff für die Industrie und Fernwärme umzustellen oder neu errichten zu müssen. Dies wird aber ein deutlich kleineres Netz sein, wie wir es heute insbesondere für die dezentrale Wärmeversorgung betreiben.
H2Raum: Welche politischen oder strukturellen Änderungen wären nötig, um den Wasserstoffhochlauf zu beschleunigen?
Marcel Fiebrandt: Wahrscheinlich hilft eine Grüngasquote, um eine verbindliche, zunehmende Abnahme festzulegen, die jeder bedienen muss. Hierdurch entsteht eine hohe Investitionssicherheit für die Erzeuger, da es belastbare Abnahmemengen und Abnehmende gibt. Gleichzeitig hat die Politik aber auch einiges geliefert: Das H2-Kernnetz wird gebaut, die EU und Deutschland investieren Milliarden in die Förderung und das Ziel der Klimaneutralität ist gesetzlich festgeschrieben. Das waren alles Forderungen aus der Industrie, um in den H2-Hochlauf einzusteigen und trotzdem werden Investitionsentscheidungen kaum getroffen.
Ich verstehe, dass die Entscheidung unter Unsicherheit nicht einfach ist, allerdings habe ich den Eindruck, dass hier andere Länder oder Branchen mit einer anderen Mentalität und Risikobereitschaft rangehen. So drohen wir in Deutschland den Anschluss zu verlieren, trotz unserer sehr guten Technologieposition im Bereich Wasserstoff. Wie bereits beschrieben, kann nur jedes Unternehmen selbst entscheiden, ob es Partner:innen und einen Business-Case für ein grünes Produkt hat und ob es bereit ist, hierfür ins Risiko zu gehen oder nicht.
Das aktuelle Marktverhalten birgt aber leider das hohe Risiko, dass das lange Zögern dazu führen kann, dass zu einem späteren Zeitpunkt die notwendige Infrastruktur ganz schnell aufgebaut werden soll, um die Unternehmen kurzfristig zu versorgen. Dies wird wahrscheinlich nicht leistbar sein und deutlich teurer werden, da derartige Infrastrukturprojekte einen hohen Planungs- und Koordinationsaufwand benötigen und notwendige Ressourcen vorgehalten werden müssen.
H2Raum: Wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Marcel Fiebrandt: Am besten erreichen mich Interessierte per E-Mail unter Marcel.Fiebrandt@stwbo-netz.de .
Vielen Dank für das tolle Gespräch!!
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